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9.9.2010 : 17:33
Letzte Aktualisierung: 02.04.2009

Rezension

Sehr geehrter Mr. Daldry,

erst einmal meinen herzlichen Glückwunsch zu Ihrem neuen Film „Der Vorleser“.
Ich habe ihn mir vor kurzem angesehen und muss sagen – ja, Bernhard Schlinks Vorlage machte sich als aufwändig produzierter Film doch tatsächlich besser als ich zu hoffen gewagt hatte. Und Sie verstanden sich ausgezeichnet darauf, Zeit und Atmosphäre des Romans einzufangen und in Ihr Medium – den Film – zu übersetzten. Die großartige Kulisse und durchaus überzeugende Schauspieler vermochten das ernste und tragische Drehbuchgerüst mit Leben und Emotionalität zu füllen, ohne, dass das wohl unvermeidbare bisschen Hollywood-Kitsch allzu sehr aufgefallen wäre.
Um jedoch nicht gänzlich in den Chor der euphorischen Filmkritiker einzustimmen, möchte ich Ihnen einige Kritikpunkte darlegen, die mir, während ich „Der Vorleser“ sah, auffielen:

Zunächst war da die Szenenauswahl, die mir hier und da zusammengezogene Augenbrauen bereitete: So ließen Sie mal eine spannungsgeladene Szene, wie jenes letzte Zusammentreffen Hannas und Michaels im Freibad, außen vor, mal schien die Bedeutung anderer Vorkommnisse, wie der Besuch der letzten Überlebenden des Kirchenbrands Jahre später, vollkommen überbewertet. Freiheiten bezüglich der Szenenauswahl harmonierten so teilweise nicht mit der auffälligen Vorlagentreue, die Sie ansonsten überwiegend verfolgten.

Auch die Balance zwischen Beziehungsdrama und Bewältigungswerk ist in Anbetracht der allzu schleppenden zweiten Filmhälfte nicht wirklich gefunden worden. Stattdessen wäre es wünschenswert gewesen, die anfängliche Liebesgeschichte des Jungen und der doppelt so alten Frau mit all ihren berührenden und verstörenden Seiten genauer zu beleuchten.
Hatten Sie Angst, die Schwere der Schuld Hannas durch eine zu intensive Auseinandersetzung mit ihr als Mensch zu verschleiern, so kann ich nur sagen, dass ich diese für unberechtigt erachte. Der Schock über ihre grausame Tat wäre mit der zunehmenden Identifikation mit Hanna sogar verstärkt worden!

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Vermittlung der Gedankenwelt Michaels.
Die Scham und Bestürzung, die ihn jahrelang quälen werden im Film weder durch innere Monologe, noch im Gespräch mit seiner Tochter dargelegt, sondern lediglich in Form von ebenso dramalastigen wie nichts sagenden Blicken angedeutet, die, selbst, wenn man das Buch gelesen hat, nur schwer zu interpretieren sind – was für ein Verlust für die inhaltliche Komponente des Films! In einem Interview sagten Sie kürzlich: „Es [Der Vorleser] ist ein Film über Schuld und Bewältigung“. Nun, das ist offensichtlich, ich frage mich nur, von wessen „Schuld und Bewältigung“ Sie sprachen, und es beschleicht mich der Verdacht, dass sich Ihre Aussage wohl auf Hannas Last beschränkt; Hanna die „Nazischlampe“, Hanna, die Pädophile.
An ihr haben Sie dann auch wirklich kein Haar gelassen, nicht einmal die im Roman vermittelte Reue, die Hanna im Gefängnis durch die Auseinandersetzung mit dem NS-Regime zeigt. Im Film hat sie nichts weiter als das Lesen gelernt - eine übertrieben traurige Bilanz, wie ich finde.

Und trotzdem, Mr. Daldry, können Sie sich erst einmal entspannt zurücklehnen. „Der Vorleser“ wurde für den Oscar in der Kategorie „Bester Film“ nominiert und Kate Winslet bekam sogar einen für die „beste weibliche Hauptrolle“, wird inzwischen sogar als „vielleicht beste Schauspielerin der Welt“ gefeiert. Na, dann hat es ich ja wohl doch gelohnt. Aber, mal ganz unter uns Mr. Daldry: Hatten Sie, in Anbetracht eines so dankbaren Themas, daran wirklich gezweifelt? Sex sells – und Nazis eben irgendwie auch.

Sabeth Glasmeyer, LK12